Mittwoch, August 03, 2005

Die Utopie der verlässlichen freien Enzyklopädie

Wikiweise-Artikel sind ja nicht gerade bekannt für ihre Ausführlichkeit. Die diversen Unterartikel von Zylinder sind z.B. sehr kurz, aber keineswegs prägnant, denn sie sind alle überdies noch falsch (jedenfalls in den aktuellen Versionen: Zylinder ((Geometrie)), Zylinder ((Maschinenbau)), Zylinder ((Herrenbekleidung))). Aber vielleicht befinden sich diese Artikel immer noch im Teststatus und Kritik ist deshalb ungültig? Ich analysiere also lieber einige andere Artikel:

Im Artikel Garten ist der Begriff zwar schön definiert, aber darüber hinaus enthält er überhaupt keine Informationen, die nicht jeder eh schon weiß oder sich denken kann. Was hat man gewonnen, wenn man einen solchen Artikel gelesen hat? Nichts. Das scheint auch die Autorin gespürt zu haben und sich deshalb anscheinend entschlossen, den Artikel noch mit etwas Etymologie aufzuhübschen. Das kommt immer gut, weil es so schön intellektuell aussieht. Aber was kann der Leser mit der Angabe v. indogerm. gher bzw. ghortos, "eingefriedetes Land" anfangen? Erstmal muss man sich fragen, worauf sich "eingefriedetes Land" bezieht, auf gher und ghortos oder nur auf ghortos? Da musste ich schon woanders nachschlagen (Ist das der Sinn einer Enzyklopädie?): gher ist eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung "umzäunen, einhegen, [um-, ein-]fassen". Zweitens: Ist es sinnvoll, nur die indogermanische Form anzugeben? Richtig interessant wird Etymologie doch erst, wenn man sieht, wie sich die Wörter entwickelt haben, und das auch in anderen, verwandten Sprachen.

Wikipedia hat da immerhin mehr zu bieten, darunter aber leider wahrscheinlich auch ein Märchen: Angeblich leitet sich "Garten" von "Gerte" ab. Ich habe in drei etymologischen Wörterbüchern (Kluge/Seebold, Duden Nr. 7 und Pfeifer) nachgesehen. Keines stellt eine Verbindung von "Garten" zu "Gerte" her. Im Gegenteil, es werden ganz unterschiedliche Ableitungen angegeben. Der einzige Schnittpunkt, der mir aufgefallen ist, ist das englische Wort "yard", das einmal "Hof" heißt und in dieser Bedeutung mit "Garten" zusammenhängt, und zum anderen auch ein Längenmaß ist, und in dieser Bedeutung mit "Gerte" zusammenhängt. Aber da hat sich offenbar nur zufällig das selbe Wort gebildet, vgl. auch die beiden unterschiedlichen Ableitungen, die im Online Etymology Dictionary angegeben sind.

Wie man sieht, kann man zur Etymologie viel Unsinn erzählen, ohne dass es jemand merkt. Wikiweise liefert ein weiteres Beispiel. Im Artikel Utopie lesen wir: gr. idealer Ort in der Ferne. Das stimmt in mehrerer Hinsicht nicht: 1. "Utopie" ist ein deutsches Wort. 2. Auch "utopos" ist nicht wirklich griechisch. Das Wort gab es in der griechischen Sprache nicht, bevor Morus "Utopia" gebildet hat. 3. "u-topos" heißt nicht "idealer Ort in der Ferne", sondern etwa "Nichtort" oder "Nirgendland". "Idealer Ort in der Ferne" ist eine Vorstellung, die man erst durch Morus' Roman mit dem Wort in Verbindung bringt.

Es muss nicht immer Etymologie sein, womit man dürftige Artikel anreichern kann. Auch "Beispiele" oder "Anwendungen" bieten sich dafür an. So wird z.B. im Artikel Schrödinger-Gleichung das "Verhalten von Ladungsträger [sic!] in Halbleitern" als Anwendungsbeispiel der Gleichung beschrieben. Fragt sich nur, warum ausgerechnet dieses spezielle Beispiel angeführt wird. Gilt das Gleiche nicht auch für Metalle? Gibt es nicht noch andere Anwendungen, die mindestens ebenso erwähnenswert sind? Das Anwendungsbeispiel sagt eigentlich mehr über den Autor als über das Thema: Offenbar ist ihm die Schrödingergleichung mal in diesem Zusammenhang über den Weg gelaufen, und er meint, nach seiner flüchtigen Beschäftigung damit jetzt seine Erkenntnisse unter's Volk bringen zu müssen. Die ganzen Fehler und Unzulänglichkeiten in diesem Artikel aufzulisten lohnt sich eigentlich gar nicht. Man sollte den Artikel gleich löschen und nochmal schreiben. Aber mir geht es ja darum zu zeigen, dass Wikiweise genauso wie die Wikipedia versagt, brauchbare Artikel zu produzieren. Also deshalb:

  • Mit Hilfe des Bloch-Theorem erhält man aus der zeitunabhängigen S.: "Bloch-Theorem" -> "Bloch-Theorems"; Was ist das Bloch-Theorem? Wie hängt die zeitunabhängige Schrödinger-Gleichung mit der zeitabhängigen zusammen?
  • Bänderdiagramm: Energie über k-Raum: Was ist der k-Raum und was heißt "über k-Raum"?
  • Die Periodenlänge wird durch das Kristallgitter-Vektor des Halbleiters bestimmt.: Die Periodenlänge wovon? "das Vektor" -> "den Vektor". Gibt es nur einen Kristallgitter-Vektor?
  • Grundgleichung [...] zur Ermittlung der Energie-Moment-Beziehung: Was ist "Moment"? Vielleicht Impuls (engl. momentum)? Die Schrödingergleichung liefert die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion. Bei freien Teilchen sind ebene Wellen mit scharfem Impuls Lösungen der Differenzialgleichung, bei Teilchen im periodischen Potential die Bloch-Funktionen mit scharfem Quasiimpuls, so dass man in diesen Fällen eine Energie-(Quasi)Impuls-Beziehung erhält, aber sonst i.A. nicht.
  • Welche der drei Gleichungen in der ersten Formel ist die Schrödinger-Gleichung, die linke, die rechte oder Ψ? Ja, genau, Ψ, denn das ist angeblich die Wellengleichung.
  • Was sind r, t und m in der ersten Formel?
  • φ das el. Potential: Was ist das, das elektrische, das elastische Potential, oder etwas anderes? Warum nicht einfach irgendein beliebiges Potential?

Wie schrieb doch jemand so schön: "Wenn ich als Leser nicht sicher bin, dass ich mich auf einen Artikel voll und ganz verlassen kann, dass der Kern des Begriffes drinsteht und nicht was anderes und kein freies Assoziieren außenrum, dann brauche ich die Enzyklopädie nicht." Treffender könnte ich es auch nicht formulieren.

1 Comments:

At 8/06/2005 10:46 nachm., Blogger paddyez said...

Völlig richtig! Den Artikel Schrödinger-Gleichung habe ich völlig vernachlässigt und muss mich verstärkt darum kümmern. Ich habe ihn als TeX test angelegt, was aus der Historie ersichtlich ist und da auch zeitgleich mit der TeX-Funktionalität entstanden bzw. angelegt. Du weißt aber selber, dass das eine Harte Nuss ist und viel Zeit braucht, bis es anständig wird. Danke für den Hinweis.

 

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